Was passiert:
Das Reuters Institute hat soeben seinen Digital News Report 2019 veröffentlicht, die umfassendste fortlaufende Vergleichsstudie zum Nachrichtenkonsum weltweit. Sie liefert wichtige und aktuelle Daten zum digitalen Wandel im internationalen Vergleich. Der diesjährige Bericht, verfasst von Nic Newman zusammen mit Richard Fletcher, Antonis Kalogeropoulos und Rasmus Kleis Nielsen, bietet zahlreiche neue Einblicke in zentrale Themen, die den aktuellen Stand der digitalen Medien prägen, und analysiert unter anderem folgende Bereiche eingehend:
- Die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für Nachrichten und die Grenzen des Abonnements
- Gruppen und private Netzwerke (ist die Zeit sinnvoll investiert?)
- Der Aufstieg des Populismus und seine Folgen für die Nachrichtenmedien
- Was Konsumenten wirklich über die Nachrichtenmedien denken
- Wie jüngere Generationen Nachrichten anders konsumieren
- Wer, was, warum und wo sind die Podcaster?
Der Bericht basiert auf einer Umfrage unter mehr als 75.000 Personen in 38 Märkten weltweit, darunter erstmals auch Südafrika.
Warum das wichtig ist:
„Journalismus existiert im Kontext seines Publikums“, schreibt Nielsen im Vorwort des Berichts. „Damit Journalisten (und alle, denen Journalismus am Herzen liegt) das sich wandelnde Nachrichtenumfeld verstehen und sich darin zurechtfinden können, ist es unerlässlich, dass sie Zugang zu relevanten, fundierten und unabhängigen Daten und Analysen darüber haben, wie Menschen in verschiedenen Ländern Nachrichten konsumieren und nutzen.“ Nielsen führt weiter aus, dass der Bericht von 2019 inmitten einer Reihe komplexer Herausforderungen für die Nachrichtenbranche erscheint. Dazu gehören die anhaltende Umwälzung traditioneller Geschäftsmodelle, die ständige Weiterentwicklung der digitalen Mediennutzung, wachsende Bedenken gegenüber großen Technologiekonzernen sowie die Erschütterungen infolge des geringen Vertrauens in die Medien und des Aufstiegs des Populismus. Diese Herausforderungen haben die Nachrichtenmedien, die sich noch immer von über einem Jahrzehnt digitaler Umbrüche erholen, zusätzlich belastet. Die Marktmacht von Plattformen hat die Branche weiter destabilisiert und zu einer Reihe von prominenten Entlassungen bei Unternehmen wie Gannett, Mic und BuzzFeed beigetragen. Die Zunahme von Parteilichkeit, Clickbait und Falschmeldungen hat die digitale Nachrichtenveröffentlichung weiter untergraben und wirft neue Fragen darüber auf, wie man im heutigen digitalen Zeitalter eine faire und ausgewogene Berichterstattung gewährleisten kann.
Weiter graben:
Vor diesem Hintergrund zeigt der Digital News Report 2019 deutliche Schwerpunktverlagerungen auf: Nachrichtenorganisationen konzentrieren sich zunehmend auf Mitgliedschaften, Abonnements und andere Formen der Lesereinnahmen. Gleichzeitig hat der Trend hin zu privaten Medien die Kommunikation von Verlagen und Plattformen mit ihrem Publikum sowie die Erhebung und Nutzung von Daten beeinflusst – und das alles, während das Publikum On-Demand-Formate, insbesondere Audiotechnologien wie Podcasts und Smart Speaker, weiterhin begeistert aufnimmt. Zu den wichtigsten Erkenntnissen des Reuters-Berichts gehören:
- geringfügig gestiegen. Die Verlage müssen um diese attraktiveren Medienabonnements konkurrieren. Selbst in Ländern mit etwas höheren Zahlen zahlender Leser (vor allem in den nordischen Ländern) besitzt die überwiegende Mehrheit nur ein einziges Online-Nachrichtenabonnement. Positiv ist jedoch, dass diese Zahlungen nun fortlaufend und nicht mehr einmalig erfolgen. Die Reuters-Forscher vermuten, dass dies ein Indiz dafür sein könnte, dass das Prinzip „Der Gewinner bekommt alles“ eine wichtige Rolle spielt.
- eine zunehmende Abonnementmüdigkeit. Viele Menschen betrachten Nachrichten eher als lästige Pflicht denn als etwas, das ihnen wirklich Freude bereitet. Die Mehrheit gibt ihr Geld für digitale Abonnements lieber für Unterhaltung wie Netflix und Spotify aus als für Nachrichten.
- Reibungsverluste und Barrieren: Schwierigkeiten beim Abonnementprozess und Bezahlschranken frustrieren Leser weiterhin. Da immer mehr Verlage Bezahlschranken einführen, stößt mehr als die Hälfte der Leserschaft in vielen Ländern (darunter den USA und Norwegen) wöchentlich auf ein oder mehrere Hindernisse beim Lesen von Online-Nachrichten.
- in sozialen Medien wird zunehmend privater und findet per Messenger statt, anstatt durch öffentliche Beiträge und Kommentare. In vielen Ländern verlagern die Menschen ihre Zeit von Facebook auf andere Plattformen wie WhatsApp und Instagram. Nur wenige Nutzer geben Facebook jedoch vollständig auf, und es bleibt das dominierende soziale Netzwerk.
- Eilmeldungen vs. Nachrichtenerklärungen: Insgesamt sind die Befragten der Ansicht, dass die Medien Eilmeldungen deutlich besser vermitteln als deren Interpretation und Erklärung. Fast zwei Drittel der Befragten in allen Ländern finden, dass die Nachrichtenmedien sie gut auf dem Laufenden halten, aber nur etwa die Hälfte gibt an, dass sie ihnen auch beim Verständnis der Nachrichten helfen.
- Fehlinformationen und Vertrauen: Das Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber den Nachrichtenmedien und die Angst vor Fehlinformationen sind trotz Bemühungen um Vertrauensbildung weiterhin hoch. Weltweit ist das Vertrauen in die Nachrichten um zwei Prozentpunkte auf 42 % gesunken. Weniger als die Hälfte der Befragten (49 %) gaben an, den Nachrichtenmedien zu vertrauen, selbst denen, die sie selbst nutzen. Dies könnte eine Chance für vertrauenswürdige Nachrichtenmarken darstellen. Auf die Frage, ob sie sich Sorgen darüber machen, was im Internet wahr und was falsch ist, antworteten 85 % der Befragten in Brasilien, 70 % in Großbritannien und 67 % in den USA mit „Ja“. In einigen europäischen Ländern ist diese Besorgnis über Falschnachrichten deutlich geringer: Nur 38 % in Deutschland und 31 % in den Niederlanden stimmten der Aussage zu.
- Auswirkungen des Populismus auf die Nachrichtenmedien: Befragte mit populistischen Einstellungen beziehen ihre Nachrichten eher aus dem Fernsehen oder von Facebook und haben insgesamt ein geringeres Vertrauen in die Nachrichtenmedien. Mehr Menschen geben an, in diesem Jahr aktiv Nachrichten zu meiden als noch vor zwei Jahren (32 %). Sie begründen dies damit, dass Nachrichten ihre Stimmung negativ beeinflussen, sie traurig oder wütend machen oder ihnen das Gefühl geben, die Ereignisse nicht beeinflussen zu können.
- Die Bedeutung des Smartphones hält an: Smartphones gewinnen für den Nachrichtenkonsum immer mehr an Bedeutung. Zwei Drittel der Menschen nutzen ihre Geräte wöchentlich, um Nachrichten abzurufen. Mobile Nachrichtenaggregatoren wie Apple News gewinnen zunehmend an Einfluss, und Smartphones treiben auch die Popularität von Podcasts voran, insbesondere bei jüngeren Nutzern, da sie mit 55 % das am häufigsten genutzte Gerät zum Hören von Podcasts sind.
- Neue Sprachtechnologien: Mehr als ein Drittel der Befragten (36 %) gab an, im Vormonat mindestens einen Podcast gehört zu haben. Bei den unter 35-Jährigen stieg dieser Anteil sogar auf 50 %. Die Nutzung sprachgesteuerter Smart Speaker nimmt weiterhin rasant zu: in den USA stieg sie von neun auf zwölf Prozent, in Großbritannien von sieben auf 14 Prozent und in Australien von vier auf acht Prozent. Die Nutzung dieser Geräte zum Nachrichtenkonsum ist jedoch in allen Märkten weiterhin gering.
Fazit:
Im vergangenen Jahr haben immer mehr Verlage Bezahlschranken und Abonnement-/Mitgliedschaftsmodelle eingeführt und einen Anstieg der digitalen Abonnements gemeldet. Laut Reuters-Daten hat sich dies jedoch noch nicht signifikant auf die Einnahmen ausgewirkt. Lediglich Norwegen und Schweden konnten in diesem Bereich ein deutliches Wachstum verzeichnen. Zwar zeigen die Untersuchungen in einigen Ländern einen leichten Anstieg der Online-Zahlungen, doch insgesamt hat sich in den letzten sechs Jahren wenig verändert. Die meisten Menschen sind nicht bereit, für Online-Nachrichten zu bezahlen, und die von Reuters beobachteten Trends deuten darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Diese Zahlungsunwilligkeit der Leser sowie die Dominanz einiger weniger großer globaler Marken und Plattformen wie Facebook legen nahe, dass die meisten Nachrichtenverlage alternative Modelle in Betracht ziehen oder Abonnements nur als einen Teil einer diversifizierteren Umsatzstrategie betrachten müssen. Diese Diversifizierung, der journalistische Ruf und kluge Strategien werden für den Erfolg – oder gar das Überleben – der meisten Marken entscheidend sein. „Viele Medienunternehmen werden diesen schwierigen Übergang wahrscheinlich nicht schaffen“, heißt es im Bericht. „Viele Nachrichtenverlage stecken in einem Teufelskreis aus sinkenden Einnahmen und ständigen Kosteneinsparungen, wie unsere Länderseiten in diesem Jahr verdeutlichen. Mediennutzer weltweit strömen weiterhin auf digitale Websites und Plattformen und beschäftigen sich online wie offline mit vielfältigen journalistischen Inhalten. Doch wir sind noch weit davon entfernt, für die meisten Verlage nachhaltige digitale Geschäftsmodelle zu finden.“